Einstürzende Einkaufszentren und theatralische Ruinen

Presse

Elf Fotografen zeigen in der Kebbelvilla Schwandorf Arbeiten zum Thema „Herrschaftsräume“.

Wenn man bei einer Ausstellungseröffnung einen ironischen Satz hören will, einen selbstironischen gar – dann muss man nach Schwandorf fahren. Und der Redner muss Wilhelm Weidinger heißen. Unter diesen günstigen Voraussetzungen hört man dann den Präsidenten des Oberpfälzer Kulturbundes sagen: „Gut 100 Jahre ist es her, dass in New York mit der berühmten ‚291‘ die erste Galerie für Fotokunst eröffnet wurde – und schon zeigt der Oberpfälzer Kulturbund seine erste Ausstellung zur Fotokunst in der Oberpfalz.“ Andererseits ist das mit der Ungleichzeitigkeit der Provinz so eine Sache: Schwandorf hatte mit der Kebbelvilla schon ein Künstlerhaus, da haben die Regensburger Künstler noch mit dem Ofenrohr ins Gebirge geschaut. Und was für ein charmanter Palazzo! Angesichts der Kebbelvilla könnte man glauben, in Schwandorf seien die Künstler an der Macht.

Ein besserer Ausstellungsort als die herrschaftsfreien Räume dieser herrschaftlichen Villa ist schwer vorstellbar für eine Fotoausstellung mit dem Thema „Herrschaftsräume“. Und die elf nicht nur vom Oberpfälzer Kulturbund, sondern auch vom Oberpfälzer Künstlerhaus und dem Berufsverband Bildender Künstler eingeladenen Fotografen haben die Herausforderung mit Lust aufgegriffen.

Wohlgeordnete Schrebergärten

Da nimmt Matthias Peter die Sache wörtlich und zwingt die unvollendete Ruine der Kongresshalle auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände mit einem extremen Weitwinkel in ein eineinhalb Meter breites Panoramafoto. 50 000 Volksgenossen sollten hier Platz finden und ihre Herrschaft über den Rest der Welt feiern. Matthias Peter präsentiert sachlich die gähnende Leere des gigantischen Torsos.

Mit derselben Nüchternheit und ebenfalls in Schwarzweiß porträtiert die Regensburger Fotografin Rose Heuberger Schrebergartenhütten. Alles ist im Lot und wohlgeordnet, nur die stolzen Hausherren fehlen. Menschliche Wesen, und wären sie noch so aufgeräumt, würden aber auch arg stören in dieser besten aller möglichen Welten, deren Sog die Fotografin sichtlich mitreißt. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Michael Bry, wenn auch großformatig und in Farbe: Das Parkhaus des Donaueinkaufszentrums erwacht bei ihm zu einem sonderbaren Eigenleben. Die vielen Abbiegepfeile scheinen der geschwungenen Architektur die Richtung zu weisen. Eine mysteriöse Kathedrale der (ebenfalls unsichtbaren) automobilen Herrschaft.

Theatralisch inszeniert erscheinen die Fabrikhallenruinen von Herbert Fahrnholz: großformatige Farbfotografien, auf denen das Licht eine unglaubliche räumliche Tiefe eröffnet. Ein Meister der Sachlichkeit dagegen der Regensburger Martin Rosner: „Studieren“, „Wohnen“, „Beten“ heißen seine Herrschaftsräume. Die Regensburger Uni, ein Mietshaus, eine Kirche – mit unmerklichen Retouchen entrückt Rosner die Bauten ins Metaphysische; die Kirche, ein schlichter Bau der 60er oder 70er Jahre, entwickelt auf einmal den hierarchischen Zwang einer ägyptischen Pyramide.

Den Tempeln des Kommerzes hat Hubert Lankes ein Denkmal gesetzt, wobei er seine 2010 sinnigerweise im DEZ ausgestellten gnadenlosen Draufsichten auf die Fassade von Einkaufszentren inzwischen weiter radikalisiert hat: Während die obere Hälfte der Fotos vom unveränderlichen Grau des Himmels bestimmt wird, wird die untere Hälfte, die Ansicht des jeweiligen Einkaufszentrums, von einem dunklen, unregelmäßigen Schleier überwuchert – der im Lauf der Ausstellung fortschreitet (die Abzüge sind stellenweise nur kurz oder gar nicht fixiert).

Einziger Zweck: der Profit

Die diversen Kaufhallen sind im Grunde gar keine Bauwerke; sie machen kein Hehl daraus, dass sie einzig zum Zweck der Profiterzeugung dastehen und auf gesellschaftliche Funktion pfeifen. Wenn sie steuerlich abgeschrieben sind, werden sie zusammengeklappt und abgeräumt – was auf den Fotos von Hubert Lankes sozusagen im Zeitraffer zu sehen ist. Weiter sind in der Schwandorfer Ausstellung vertreten: Anne Dreiss, Susanne Neumann, Thomas Rauh, Stephanie Sabatier und Ina Steiner.

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Der morbide Charme leerer Plätze
Unter dem Pflaster liegt der Strand

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