Unter dem Pflaster liegt der Strand

Presse

Martin Rosners Ausstellung „Reise Bilder Reise“ im Krankenhaus St. Josef zeigt überwältigende Aufnahmen von den Rändern Europas.

Was überwältigt uns? Und wie? Darüber hat schon die klassische Ästhetik nachgedacht. Und die moderne Fotografie hat aus ihren Resultaten praktische Schlüsse gezogen. Im Fall des Falles überwältigt die schiere Größe. Wer Foto-Museen und -Galerien besucht, kann erkennen: der Trend geht zum Riesenformat. Noch das Unbedeutendste wirkt auf diese Weise erhaben.

Martin Rosner verblüfft allein schon dadurch, dass er sich bei seinen Arbeiten fürs kleine und kleinste Format entscheidet. Die etwas größeren Bilder, die es auch bei ihm gibt, unterbrechen nur die Suggestion intensiver Serien; sie wirken wie Satzzeichen. En miniature aber entwickelt Rosner ein Gespür für Raum und Landschaft, für das Verhältnis zwischen den Dingen, für die Rückseite vertrauter Stadtansichten und Architekturen.

Rosner, der Reisende, ist kein Dokumentarist. Er will nicht Abbilder, maschinelle Kopien der Realität; eher schon ihre poetische Durchdringung und Verwandlung. Für ihn ist der Fotograf „Autor“; er erfindet Wirklichkeit. Was ihm unterwegs begegnet, ist nur das Rohmaterial einer Vision.

Voraussetzung für sie ist freilich handwerkliche Meisterschaft, ein präzises Wissen um die Mittel der Darstellung. „Realistisch“ sind Rosners Arbeiten nur für den vordergründigsten Blick. Eher schon auf eine zurückhaltende, dezente Weise surreal. Das konsequente Schwarz-weiß ist bereits eine Vorentscheidung für Abstraktion, Struktur, „Grammatik“. Rosner verschiebt das, was der naive Blick für Natur halten könnte; eine berückende Szene erscheint.

Die Unheimlichkeit des Himmels

Das hat auch mit seinem Verhältnis zum Licht zu tun; der Fotograph ist ja nicht zufällig ein „Licht-Bildner“. Rosner bevorzugt die Momente des diffusen, vergehenden Lichts, also den bedeckten Himmel, den sachten Nebel über dem Meer, die Dämmerung. Der Raum verdüstert sich, aber einzelne Gegenstände oder Flächen schimmern und leuchten noch. Und paradoxerweise wird gerade im kleinen Format die Weite, ja die Unheimlichkeit verlassener Strände, des wie gefrorenen Meers, des zerrissenen Himmels spürbar. Man könnte fast von einer Spielart der metaphysischen Malerei eines Barnett Newman oder Ad Reinhardt im Medium der Fotografie sprechen; oder von einem existenziellen Statement der Verlassenheit nicht nur des Menschen, sondern auch der Dinge.

Rosner bereist die Ränder Europas. Selbst Ansichten der Normandie oder der Ostsee wirken bei ihm wie fremde Tableaus. Wenn er in die Toskana fährt oder nach Kreta oder auf die andere Seite des mare nostrum nach Tunesien, dann treibt ihn nicht die Neugier. Er will nicht zeigen, was noch kein anderer gesehen hat. Sein Interesse gilt dem, was ähnlich oder sogar „gleich“ ist, was sich wiederholt. Obwohl seine Reisebilder stets „gegenständlich“ bleiben, spürt man das Faible für das Graphische, für ein verborgenes Reich der Zeichen, für einen sanften Kubismus.

Selbst der Rausch bleibt kühl

Spätestens in der Moderne, aber im Grunde schon seit der schwarzen Romantik, für die das „Interessante“ (als das, was, und sei es auf groteske oder „böse“ Weise, von der Norm abweicht) zur entscheidenden ästhetischen Kategorie wurde, scheuen Künstler und Kunstbetrachter vor der Bezeichnung „schön“ zurück. Als könne nur das schön sein, was sich noch nicht emanzipiert hat, sondern sich dem Reich des Kitschs, eines verlogenen, weil nicht „authentischen“, über sich selbst aufgeklärten Gefühls überlässt. Rosners Arbeiten sind schön, aber nie verbindet sich mit ihnen der Verdacht der Lüge, einer zurichtenden Gewalt, die vieles nicht wahrhaben will. Ganz im Gegenteil: Ihre Schönheit verdankt sich einer Erweiterung des Blicks – und der Einbeziehung der Psyche, des Gedächtnisses und der Sehnsucht in den Bildraum.

Viele seiner Bilder sind lakonische Erzählungen. Für Augenblicke kann man sich in ihnen verlieren; oder die eigene Geschichte, die „verlorene Zeit“ in ihnen verrutscht, verzaubert wiederfinden. Vielleicht weil sie so menschenleer sind, weil sich so die Bühne öffnet für den eigenen Auftritt.

Spätestens seit Cy Twombly (dem Maler und dem Fotografen) gilt das „Blumenbild“ als geheimes Zentrum aller bildenden Kunst. Man kann in St. Josef auch diesem „anderen“, farbigen, rauschhaften Rosner begegnen. Nur dass bei ihm selbst der Rausch kühl, nüchtern, diszipliniert bleibt. Seine Callas und Lilien sind stets beides: purste Abstraktion, die ihre Gestalt ins Nicht-mehr-Sichtbare, in Transzendenz und Rätselzustand treibt (oder „erhebt“) und reinste Sinnlichkeit, Freude an der Farbe (und nichts sonst), unschuldige Lust an der Materialität der Oberflächen. Bei Rosner verbindet sich die detaillierte Untersuchung der Oberfläche, der durch nichts getrübten Phänomenalität der Welt mit der Erkundung des eigenen Mediums.

„Die“ Fotografie gibt es für ihn nicht; allein in dieser Ausstellung begegnet man analoger und digitaler Aufnahme- bzw. Bearbeitungstechnik; und, mittlerweile eine Rarität, verschiedensten Polaroids. Man kann Rosner auch zuhören, wie fasziniert er über die „Träger“ des Mediums spricht. Das „Papier“ ist ja immer Teil der Abbildung. Wie sich etwas zeigt, das liegt nie nur am Gegenstand oder am Raum oder am Licht, sondern auch am Medium, das etwas offenbart und anderes verstellt oder verzerrt.

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Einstürzende Einkaufszentren und theatralische Ruinen
Nah an der Schönheit und am Schrecken

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