Nah an der Schönheit und am Schrecken

Presse

Fotograf Martin Rosner zeigt in der Regierung der Oberpfalz beeindruckende Bilder unter dem Titel „cell-phone“, also Handy.

„Das habe ich mit eigenen Augen gesehen!“ Ja, was denn? Wo, wann und wie? Das menschliche Auge ist naiv. Man kann mit ihm machen, was man will. Weil es so empfänglich ist für jede Form von Wahn. Weil es alles glaubt, was es „sieht“. Das heißt: was man ihm vorhält, einpflanzt, suggeriert.

Der Fotograf Martin Rosner ist nicht naiv. Sein Metier ist es, zu sehen. Und noch mehr: sehen zu lassen. Er weiß, dass wir, wenn wir „mit unseren eigenen Augen“ ein Bild anschauen, nicht die Wirklichkeit zu sehen bekommen, sondern ein Konstrukt. Das, was für unsere Sinne so selbstverständlich vorhanden scheint, ist nicht einfach „da“. Es wurde gemacht, erzeugt, hervorgerufen.

In jedes Bild, selbst das schlichteste, gehen Erfahrungen ein, die von weit her kommen. Es ist infiziert durch Interessen und Zwecke, von denen der nichts weiß, der einfach schaut. Der Betrachter reflektiert üblicherweise die Mittel und Medien seiner Betrachtung nicht. Rosner tut es. Sein „Trick“ ist einfach, aber wirkungsvoll. Und er bringt hervor, was schon die älteste, die platonische Ästhetik versprach: Wahrheit. Und mit der Wahrheit Schönheit. Als ihren sinnlichen Glanz und als Falle.

Ein Arrangement von Pixeln

In seiner „cell-phone“-Ausstellung zeigt Rosner Handy-Fotografien. Weil die Bilder im Eingangsbereich der Regierung der Oberpfalz groß und gewaltig sind, enthüllen sie ihre Struktur und ihre Elemente. Was man, auf den ersten Blick, in genügender Ferne, für Ausschnitte der Realität halten könnte, erweist sich beim Näherkommen als Arrangement von Pixeln. Von kleinen und kleinsten Farbflächen, die sich wiederholen und an manchen Stellen, wenn der Schwierigkeitsgrad der Wiedergabe für die Apparatur erhöht, überkomplex ist, „ausrasten“.

Vor den Fotos Martin Rosners macht man dieselbe Erfahrung wie vor einer Arbeit Sigmar Polkes, die in der Ostdeutschen Galerie hängt. Aus der Nähe nimmt man nur ein „sinnloses“ Nebeneinander bunter Kreise wahr. Aus der Ferne aber verschwinden die Kreise und man sieht, so „realistisch“, wie man es sich nur wünschen kann, das Abbild einer Menschenmenge. Nähert man sich aber dem Bild erneut, samt dem neu gewonnenen Wissen, was es darstellt, so verschwindet die Menschenmenge wieder. Sie wird ersetzt, überblendet durch das Chaos der farbigen Kreise.

Rosners Blick ist reflexiv, analytisch. Er denkt über das Sehen und Darstellen nach, über unser Auge und unser Hirn und über die Apparaturen der Wirklichkeitswiedergabe. Was man in seiner Ausstellung sieht, ist aber nicht die pure bzw. die gereinigte Realität, sondern eine Serie von Bildern, die ihren Bildcharakter nicht verbergen, sondern offensiv zeigen. Und weil Rosner als Fotograf nicht in erster Linie Wissenschaftler ist, entsteht nicht (nur) Erkenntnis, sondern Schönheit, die Freude über ein neues Bild von der Welt und über einen veränderten
Blick.

Fotos, die in den Kunst-Kontext eintreten, verlieren ihren Abbildcharakter. Sie werden Meta-Bilder. Sie verweisen nicht in erster Linie auf anderes, sondern auf sich selbst. Das gilt auch für den gegenständlichen Anteil an Rosners Arbeiten. Denn er hat ja seine wiederkehrenden Themen und Motive: Räume vor allem. Innen- und Außenräume. Und was mit diesen Räumen geschieht, wenn sich die Randbedingungen ändern. Also etwa das Licht oder die Belichtungszeit.

Sein besonderes Faible gilt nächtlichen Räumen. Orten, die sich aufzulösen scheinen. Die man nicht mehr zureichend interpretieren kann. Die deshalb die Wahrnehmung panisch werden lassen, mit Angst aufladen. Gespenstische Räume wie, Rosner sagt es selbst, „aus einem David-Lynch-Film“. Räume, deren Architektur nicht völlig geklärt ist, die Aus- und Eingänge haben, die man nicht übersehen und kontrollieren kann. Psychotische Interieurs, Innenräume des Zerfalls.

Die realen Orte sind irrelevant

Natürlich ließe sich benennen, wo diese Räume zu finden sind: in den düster-verwinkelten Eingeweiden der Uni etwa oder auf dem verwilderten Stobäus-Platz, in irgendwelchen Wohnungen, die plötzlich klaustrophobisch verengt erscheinen oder im flüchtigen Blick eines Reisenden bei der Fahrt über den Brenner. Aber Rosner vermeidet solche Benennungen. Er beschränkt sich auf technische Angaben. Denn die Bilder verweisen nicht auf etwas Reales, sondern auf etwas in uns, das (noch) keinen Namen hat.

Jedes Medium, das ersetzbar ist, sofern es nur Informationen liefert, die man anders vielleicht rascher und besser erhalten kann, muss sich legitimieren. Der Code der Kunst aber ist, sofern es sich wirklich um Kunst handelt, so eigen, dass sie unersetzbar ist. Rosners Ausstellung gehört zum Beeindruckendsten, was in letzter Zeit in der Region zu sehen war. Was er zeigt, verweist nicht auf eine äußere Realität. Es kommuniziert mit all den Bildern tief in uns, die durchtränkt sind mit all unseren Erfahrungen und Lüsten und Ängsten. Man begegnet einer Schönheit, die sich nicht so rasch entziffern lässt. Sie scheint einem Schrecken verschwistert, der vielleicht nur die andere Seite unserer Erwartung, unseres Verlangens, unserer Scheu ist.

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Unter dem Pflaster liegt der Strand
Was macht ein Bild zum Bild?

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